„Ich wollte immer eine große Familie. In meinem Geist habe ich mir vorgestellt, wie die Kinder miteinander spielen, sich gegenseitig vor anderen verteidigen und gemeinsam durch dick und dünn gehen. Doch stattdessen ist Streit und Geschrei an der Tagesordnung.“ (O-ton einer Mutter)

So wie dieser Mutter geht es sicher vielen Eltern, wenn sie ein zweites, drittes oder viertes Kind bekommen. Doch häufig bestimmen Streit und Geschrei das Miteinander.

Für das Leben lernen

Konflikte gehören zum Leben dazu. Unser Ich bildet sich an Konflikten mit uns selbst, genauso wie mit anderen. Konflikte, die nicht gelöst werden, schwelen oft im Untergrund und drängen zu einem anderen Zeitpunkt erneut nach oben. Statt Konflikte zu vermeiden, ist es sinnvoller, diese konstruktiv zu lösen und eine Lösung zu finden, mit der alle Beteiligten zufrieden sind.

Was lernen Groß und Klein beim Streiten

  • sie lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu vertreten
  • sie lernen, die Bedürfnisse der anderen kennen
  • sie setzen sich mit den eigenen Grenzen und denen der anderen auseinander
  • sie lernen argumentieren, diskutieren und anderen zuhören
  • sie lernen, die widersprüchlichen Gefühle in sich selbst auszuhalten
  • Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie die Konsequenzen für ihre Handlungen übernehmen ( Alters- und entwicklungsgerecht)
  • Im Idealfall lernen sie, einen Kompromiss zu finden

Ursachen für Streit

  • Konkurrenz:
  • Eifersucht
  • fehlende Handlungsmöglichkeiten
  • fehlende Kommunikationsmöglichkeiten
  • häufig entstehen Konflikte, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt oder wahrgenommen werden.

Die Rolle der Eltern beim Kinderstreit

Vorbild

Kinder lernen über das Vorbild. Sie schauen sich genau an, wie ihre Eltern miteinander Konflikte lösen, wie sie Konflikte mit den Kindern lösen und wie sie dabei mit sich selbst umgehen. Dabei sehen Kinder nicht nur das Offensichtliche, sondern nehmen auch das Unbewusste im Gegenüber wahr. Wie ist dessen Einstellung gegenüber Konflikten und welche Gefühle gehen damit einher?

Mediator sein

Eltern sind die Mediatoren innerhalb der Familie. Sie sollten neutral bleiben und keine Partei ergreifen. Oft können sie die Ursachen des Streits nur erahnen. Streit geht mit starken Gefühlen, mit verletzten Bedürfnissen, mit Kränkungen einher, die eventuell längere Zeit aufgestaut wurden und in diesem Augenblick nach außen drängen.

Beispiel:

Fünf Jahre ist Anton alt. Seine Schwester Cosima ist zwei Jahre jünger. Als sie laufen lernt, sind seine Spielsachen und seine gebauten Werke nicht mehr vor ihr sicher. Anton baut seine Burg extra auf einen kleinen Tisch. Dreimal hat er ihr gesagt, dass sie gehen soll. Doch seine Schwester stoppt nicht, sondern greift nach seiner Burg. Die Burg fällt um. Wütend schubst Anton Cosima, so dass sie auf den Boden fällt.

Reaktion der Eltern

Wenn seine Eltern jetzt nur die aktuelle Situation sehen, ohne das größere Ganze, halten sie zu Cosima und schimpfen mit Anton. Damit wird Anton bestätigt, das seine Bedürfnisse nicht gesehen werden und anstatt den Konflikt zu deeskalieren, entfachen sie das Feuer neu. Zukünftig könnte er Streit mit seiner Schwester provozieren, um die Reaktion seiner Eltern zu testen.

Statt dessen:

  • sich als Eltern bewusst sein, dass sie nur die Spitze des Eisberges sehen
  • als Eltern die eigenen Gedankenmuster und Gefühle wahrnehmen
  • durchatmen und erst einmal beobachten, ob die Kinder den Streit alleine lösen
  • Wenn die Kinder den Streit nicht alleine lösen oder die Eltern Sorge haben, dass ein Kind verletzt wird, gehen sie ruhig dazwischen, nehmen beide Kinder in den Arm und fragen: „Was ist geschehen?“
  • abwarten und die Kinder erzählen lassen
  • Beiden ihre Bedürfnisse spiegeln. Zu Anton: du hast deine Burg auf dem Tisch gebaut und dann kam Cosima und hat sie kaputt gemacht. Das hat dich geärgert und deshalb hast du deine Schwester geschubst. Hast du eine Idee was du machen kannst, wenn du wütend bist, ohne deine Schwester zu schubsen? Wollen wir mal zusammen überlegen?
  • Cosima könnten die Eltern spiegeln: du hast die Burg von deinem Bruder gesehen und wolltest sie dir ansehen oder mitbauen, dabei ist sie kaputt gegangen. Darüber hat sich der Anton geärgert.
  • Die Kinder in die Lösung miteinbeziehen. Erst wenn die Kinder keine Lösung finden, selbst Ideen einbringen. Die Kinder entscheiden, welche Lösung sie wählen wollen. Wenn die Kinder noch zu klein sind, unterstützen sie die Eltern dabei und achten auch auf die Umsetzung.
  • Gemeinsam mit den Kindern können die Eltern eine Lösung finden. Kinder halten Vereinbarungen, die gemeinsam getroffen werden, besser ein. Außerdem stärken gemeinsam getroffene Vereinbarungen das Selbstvertrauen der Kinder.
  • Zeit exclusiv mit einem Kind allein zu verbringen, stärkt die Beziehung.

Beispiel:

Marie und Moni sind Zwillinge und vier Jahre alt. Täglich streiten sie sich lautstark um ihre Spielsachen. Gegenseitig zerren sie an den Gegenständen. Obwohl sie sich bereits verbal äußern können, werden sie in diesen Augenblicken von ihren Gefühlen überrollt und schreien sich an.

Reaktion der Eltern

Wenn die Eltern jetzt ebenfalls laut schreiend dazwischen gehen, heizen sie den Konflikt nur weiter an. Konflikte lösen bei den Kindern oft starke Gefühle und Hilflosigkeit aus. Sie haben noch keine Strategie entwickelt, um Konflikte konstruktiv zu lösen. Eltern, die ebenfalls schreien, lösen bei den Kindern Unsicherheit aus. Statt dessen benötigen sie Eltern, die ruhig bleiben und ihnen vermitteln, dass die starken Gefühle in Ordnung sind.

Statt dessen:

  • Sich als Eltern der eigenen Gedanken und Gefühle bewusst sein
  • Auch in dieser Situation den Konflikt beobachten und erst eingreifen, wenn die Kinder keine Lösung finden.
  • Dann gehen die Eltern ruhig dazwischen,
  • Eltern gehen auf Augenhöhe und fassen beide Kinder an der Schulter an, damit die Kinder die Präsenz der Eltern spüren.
  • Gefühle und Bedürfnisse der Kinder neutral spiegeln: ihr wollt beide mit den Autos spielen
  • Gehört das Auto einem der Mädchen darf dieses entscheiden, wer damit spielt
  • Gehört das Auto beiden Mädchen wird wieder eine gemeinsame Lösung gefunden. Am besten geht das mit offenen Fragen: ihr wollt beide mit dem Auto spielen. Was machen wir jetzt? Habt ihr eine Idee?

Reflexion

Die Einstellung der Eltern oder Bezugspersonen gegenüber Konflikten beeinflußt ihren Umgang damit. Daher lohnt sich der Blick auf die eigene Kindheit, genauso wie auf später erfolgte Erfahrungen. Wenn Konflikte in der eigenen Kindheit vermieden wurden oder vom Kind als gefährlich eingestuft wurden, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Eltern Konflikte in ihrer eigenen gegründeten Familie zu vermeiden suchen. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die eigenen Gefühle auf die Kinder projiziert werden. Wenn Eltern dieses gelernte Muster bewusst ist und sie sich vor Augen halten, dass Konflikte zum Leben gehören, können sie gemeinsam mit ihren Kindern einen konstruktiven Umgang damit lernen.

Fragen für die Selbstreflexion

  • Welche Streitkultur wurde in meiner Kindheitsfamilie gelebt?
  • Wurden Konflikte angesprochen oder vermieden?
  • Wie wurden Konflikte gelöst?
  • Gab es Gewinner und Verlierer?
  • Traten die Eltern / Bezugspersonen als Schiedsrichter auf?
  • Haben mir Konflikte Angst gemacht?
  • Welche Emotionen haben mich damals begleitet und spüre ich noch heute, wenn ich daran denke?
  • Welche Gedanken, Gefühle bewegen mich, wenn Geschwister streiten.

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